{"id":3622,"date":"2016-10-26T03:58:39","date_gmt":"2016-10-26T01:58:40","guid":{"rendered":"https:\/\/vdegallo.com\/?post_type=product&#038;p=3622"},"modified":"2025-05-06T15:54:24","modified_gmt":"2025-05-06T13:54:24","slug":"caroline-boissier-butini-edoardo-torbianelli-pianoforte-broadwood-3","status":"publish","type":"product","link":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/produit\/caroline-boissier-butini-edoardo-torbianelli-pianoforte-broadwood-3\/","title":{"rendered":"CAROLINE BOISSIER-BUTINI \u2013 EDOARDO TORBIANELLI, PIANOFORTE"},"content":{"rendered":"<h3><em><strong>First World Recording<\/strong><\/em><\/h3>\n<h4><strong>Award: 5 Diapason<\/strong><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Caroline BOISSIER-BUTINI\u00a0:<\/strong> Piano Sonata No. 1 \u2013 Caprice sur l&#8217;air d&#8217;une ballade \u00e9cossaise (Roy&#8217;s Wife of Aldivalloch) \u2013 Sonatine No. 1, d\u00e9di\u00e9e \u00e0 Melle Val\u00e9rie Boissier \u2013 Variations sur deux airs languedociens \u2013 Piano Sonata No. 2 \u2013 Caprice et variations sur un air boh\u00e9mien.<\/p>\n<p><strong>Edoardo Torbianelli<\/strong>, Pianoforte Broadwood.<\/p>\n<h4><b>Die Sonaten<\/b><\/h4>\n<p>Als das musikalische Oeuvre von Caroline Boissier-Butini 2002 wiederentdeckt wurde staunten wir, dass sich darunter auch Klaviersonaten befanden. Diese Gattung war in Frankreich zu ihren Lebzeiten fast ausschliesslich entwe- der durch dort lebende deutsche Musiker oder durch Musikerinnen, die von der deutschen Musikkultur gepr\u00e4gt worden waren, vertreten.<\/p>\n<p>Da Genf 1798 von Frankreich annektiert worden war (bis 1814), liegt die Vermutung nahe, dass die musikalische Bildung der jungen Caroline Butini massgeblich von der franz\u00f6sischen Kultur gepr\u00e4gt wurde. Was bewegte die junge Musikerin, sich mit einer Form zu besch\u00e4ftigen, die in Frankreich kaum kultiviert wurde? Protest?<\/p>\n<p>Jedenfalls steht die Sonate im Repertoire oder im Werkkatalog einer Musikerin, eines Musikers ihrer Generation f\u00fcr ein Mittel zur Erlangung einer eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Pers\u00f6nlichkeit, im Gegensatz zum \u201eConcerto\u201c, das haupts\u00e4chlich dazu diente, die Virtuosit\u00e4t der Interpretierenden hervorzuheben. Die allm\u00e4hlich auch im franz\u00f6sischen Sprachraum greifende Differenzierung zwischen gef\u00e4lliger und ernsthafter Instrumental- und insbesondere Kammermusik d\u00fcrfte auch Caroline Boissier-Butini bewusst gewesen sein.<\/p>\n<p>Mindestens zweimal beschloss sie in den 1810er Jahren, ein Jahr lang nicht zu komponieren und sich stattdessen dem Studium der Musik der\u201ealten Meister\u201d zu widmen, um so ihr kompositorisches Fundament zu festigen. Dies deutet darauf hin, dass ihr musikalisches Wirken nicht allein auf Effekthascherei ausgerichtet war, sondern dass sie sich durchaus ein eigenst\u00e4ndiges musikalisches Pro\ufb01l aneignen wollte, was sich in ihrem Vorhaben, ihre Werke und namentlich ihre Sonaten 1818 in Paris ver\u00f6ffentlichen zu lassen, widerspiegelt.<\/p>\n<p>Der nach der Sonatensatzform gegliederte Satz, wie er von Adolf Bernhard Marx (\u201eDie Lehre von der musikalischen Komposition\u201d, Leipzig 1837-1847) beschrieben wird, wurde erst ab der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts als Norm f\u00fcr die Analyse insbesondere von Ludwig van Beethovens komplexen Sonaten sowie f\u00fcr den Unterricht beigezogen. Angesichts der unz\u00e4hligen Abweichungen wird die Sonatensatzform inzwischen eher als Orientierungshilfe gebraucht, die keinen Anspruch auf historische Angemessenheit oder normative Geltung er- hebt. Was die Form anbelangt, so liefert zudem der Vergleich der De\ufb01nitionen in deutschen und franz\u00f6sischen Musiklexika den Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der formalen Unterschiede zwischen den beiden L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Heinrich Koch schreibt in seiner De\ufb01nition der Sonate 1802: \u201eEs ist daher bey der Sonate nicht genug, da\u00df der Hauptsatz oder das Thema jeden Theils derselben den Ausdruck einer bestimmten Emp\ufb01ndung erhalte, sondern er mu\u00df auch, um den Stoffzu Fortdauer dieser Emp\ufb01ndung zu erhalten, mit den damit in Verbindung gebrachten Nebengedanken immer in neuen und interessanten Wendungen und Verbindungen zum Vorscheine kommen, damit der Verfolg des Ganzen die Aufmerksamkeit fessle, und der Ausdruck der Emp\ufb01ndung in allen ihrem Modi\ufb01kationen f\u00fcr unser Herz Interesse gewinne.\u201c<\/p>\n<p>In der De\ufb01nition von Francois-Joseph Castil-Blaze von 1821 hingegen gibt es weder zu Form noch zu Ablauf Vorgaben; er de\ufb01niert die Sonate als \u201eInstrumentalst\u00fcck aus drei oder vier aufeinander folgenden Einzelst\u00fccken von verschiedenem Charakter. [&#8230;]. In einer Komposition dieser Art wird alles daran gesetzt, das Instrument, f\u00fcr das komponiert wird, so glanzvoll wie m\u00f6glich darzustellen, sei es durch die Wahl der wohlklingensten Kl\u00e4nge, sei es durch die K\u00fchnheit der Ausf\u00fchrung.\u201c Als Komponisten bedeutender Sonaten nennt er\u201eH\u00e4ndel, Bach, Mozart, Haydn, Clementi, Cramer, Dussek, Beethoven, Steibelt, Pleyel, Adam, Kalkbrenner, Mademoiselle de Montgeroult.&#8221;<\/p>\n<p>Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die Sonaten von Caroline Boissier-Butini und ihrer franz\u00f6sischen Zeitgenosslnnen nicht dem lange als klassisch betrachteten Schema folgen. In ihren Sonaten kommt der Wille zum Ausdruck, die reine Virtuosit\u00e4t und Effekthascherei zu \u00fcberwinden zu Gunsten von mit dem Publikum geteilten Gef\u00fchlen: wir sind hier musikalisch bereits im Zeitalter der Romantik angelangt. Melodische Inspirationsquellen \ufb01ndet sie f\u00fcr ihre Sonaten ebenfalls in Weisen im Volkston (1. Sonate: 2. Satz; 2. Sonate: 3. Satz), sowie im klassischen Repertoire. \u00dcberraschend wirkt die Anlehnung an einen reformierten Choral im letzten Satz der zweiten Sonate.<\/p>\n<p>Bei den Satzbezeichnungen der beiden Sonaten f\u00e4llt auf, dass der erste Satz jeweils ohne Angaben ist; in beiden F\u00e4llen handelt es sich zweifelsohne um ein Allegro; der Mittelsatz der 1. Sonate ist mit Adagio bezeichnet, derjenige der 2. Sonate mit Andante. Beide St\u00fccke enden mit einem Rondo, das wiederum Gelegenheit zu extensiven Variationen gibt.<\/p>\n<p>[show_more more=&#8221;Show more&#8221; less=&#8221;Show less&#8221;]<\/p>\n<h4><b>Die Variationen<\/b><\/h4>\n<p>Caroline Boissier-Butini geh\u00f6rt zur ersten Generation von Komponistlnnen, f\u00fcr die das \u201etheme vari\u00e9\u201c eine feste, vollst\u00e4ndig geschriebene Form ohne |mprovisationsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Interpretin oder den Interpreten darstellen konnte.<\/p>\n<p>Sie geh\u00f6rt auch zu einer Generation, f\u00fcr die Variationen das Fundament des Schaffens darstellten. So enth\u00e4lt die H\u00e4lfte der Werke aller Gattungen von Ludwig van Beethoven Variationen. Die von der Genfer Musikerin bevorzugte Form mit einer Einleitung, meistens sieben Variationen und einem Finale \ufb01ndet sich namentlich bei Johann Nepomuk Hummel (1778-1837) und bei Carl Maria von Weber (1786-1826).<\/p>\n<p>Sie hat f\u00fcr das Klavier gem\u00e4ss heutigem Wissensstand vier St\u00fccke geschrieben, die auf Variationen aufbauen. Die Themen zwei dieser St\u00fccke sind bekannt: Die \u201eVariations sur I\u2019air Dormez donc mes chers amours\u201c (CD VDE-Gallo 1406) und \u201eCaprices sur l\u2019air d&#8217;une ballade \u00e9cossaise\u201c. Im ersten Fall handelt es sich um ein franz\u00f6sisches Volkslied aus dem 18. Jahrhundert, das 1827 durch die Zitierung in Ferdinand H\u00e9rold\u2019s balIet-pantomime \u201eLa somnambule\u201c zu grosser Ber\u00fchmtheit gelangte, aber schon vorher in verschiedenen Vokal- und instrumentalfassungen im Druck erh\u00e4ltlich war. \u201eRoy\u2019s Wife of Aldivalloch\u201c geh\u00f6rt zu den bekanntesten schottischen Liedern. Die Volksweisen \u201eAirs languedociens\u201c und \u201eAir boh\u00e9mien\u201c sind noch nicht identi\ufb01ziert. Handelt es sich um Zitate aus gedruckten Sammlungen mit Volksweisen oder hat die Musikerin ihre eigenen Themen im Volkston erfunden?<\/p>\n<p>Die Verarbeitung von Volksweisen oder von Weisen im Volkston war am Anfang des 19. Jahrhunderts in s\u00e4mtlichen musikalischen Gattungen weit verbreitet. Mit der St\u00e4rkung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft entstand auch das Bed\u00fcrfnis der Identi\ufb01zierung mit einem Nationalstaat. Gleichzeitig w\u00e4chst im Zuge des erwachenden Tourismus und der Entdeckung der Natur durch die Romantik das Interesse f\u00fcr fremdartige Kulturen.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Komponistlnnen des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts befassen sich mit Melodien im Volkston und nutzen sie namentlich als Ausgangspunkt f\u00fcr Variationen. In Frankreich z\u00e4hlt das \u201eth\u00e8me vari\u00e9\u201c in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhundert zu den virtuosen St\u00fccken Im Gegensatz zu den sp\u00e4teren Stil\u00fcbungen mit einem Thema und einer gewissen Anzahl Variationen enthalten die \u201ethemes vari\u00e9s\u201c aus der Zeit von Caroline Boissier-Butini oft eine ausgiebige Einleitung, eine Code sowie weitere Episoden ohne melodischen Bezug zum Thema.<\/p>\n<p>Schon 1806 moniert der belgische Musiktheoretiker Joseph-J\u00e9r\u00f6me de Momigny (1762-1842) in seinem \u201eCours complet d\u2019harmonie et de composition\u201c die Effekthascherei, die mit den \u201eairs vari\u00e9s\u201d betrieben wurde. Diese Bravourst\u00fccke erfreuten sich allerdings gr\u00f6sster Beliebtheit. Sowohl bei den Interpretierenden als auch beim Publikum erwiesen sie sich als regelrechte Verkaufsschlager. W\u00e4hrend die Variationen \u00fcberThemen aus Opern erlaubten, im Musiktheater geh\u00f6rte Themen weiter zu verbreiten, k\u00f6nnen die Variationen \u00fcber Themen aus fremden L\u00e4ndern mit der Ende des 18. Jahrhundert entdeckten Reiselust und dem interesse f\u00fcr alles Exotische in Zusammenhang gebracht werden.<\/p>\n<h4>\u201e<b>Caprice sur l\u2019air d\u2019une ballade \u00e9cossaise\u201c<\/b><\/h4>\n<p>Schottische Kultur erfuhr namentlich im Zuge der Dichtung-, Sammel- und Ver\u00f6ffentlichungst\u00e4tigkeit des Schotten Robert Burns (1759-96) auch auf dem europ\u00e4ischen Kontinent grosse Resonanz. \u201eRoy\u2019s Wife of Aldivalloch\u201c geh\u00f6rt zu den bekanntesten Liedern aus dieser Gegend; Burns hatte es 1793 von seiner Autorin, der ebenfalls Schottischen Liederschreiberin Elizabeth Grant (1745-1814) transkribiert. Zweifelsohne hatte Caroline Boissier-Butini Zugang zu einer gedruckten Vorlage des Lieds \u201eRoy\u2019s Wife\u201c, denn das zu variierende Thema wird integral zitiert. Neben der um sich greifenden \u201eNatur-Mode\u201c spielt bei der Wahl des St\u00fccks im Falle von Caroline Boissier-Butini auch eine ausgepr\u00e4gte Anglophilie eine Rolle. Das Kompositionsdatum des \u201eCaprice\u201c ist zwar nicht bekannt, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Musikerin w\u00e4hrend ihrer Reise nach London 1818 von der Atmosph\u00e4re der Britischen Inseln inspirieren liess.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist die Bezeichnung des St\u00fccks mit \u201eCaprice\u201c durch die Komponistin. Unter einem \u201eCaprice\u201d versteht man im franz\u00f6sischen Sprachraum bis etwa 1840 eine Et\u00fcde f\u00fcr Klavier oder Violine, wie etwa im Fall von Paganinis Capriccien f\u00fcr Violine. Erst sp\u00e4ter stand es f\u00fcr ein St\u00fcck im Geiste der romantischen Fantasie mit Variationen \u00fcber fremdl\u00e4ndische Themen, wie sie hier vorliegt.<\/p>\n<p>Das Vorspiel zum \u201eCaprice\u201c, mit \u201eMaestoso\u201c bezeichnet, steht in der klassischen Tradition und erinnert an die Musik von Johann Nepomuk Hummel, oder gar an den deutschen Barock, denn es endet mit einem Choral. In den Variationen durchsetzt Caroline Boissier-Butini das thematischen Material mit zahlreichen virtuosen Einlagen, m\u00f6glicherweise um ihr pianistisches K\u00f6nnen zu beweisen. Sind diese Ausbr\u00fcche vielleicht auch der Ausdruck ihrer Vorstellung eines von Naturgewalten zerzausten Schottlands? Das schottische Thema wird siebenmal variiert, wobei die Komponistin in der Mitte des St\u00fccks noch ein \u201eMouvement de marche\u201d einschiebt. Den Abschluss bildet auch hier ein brillantes Presto.<\/p>\n<h4><b>Die \u201eSonatine 1e d\u00e9di\u00e9e \u00e0 Mlle Val\u00e9rie Boissier\u201c<\/b><\/h4>\n<p>Caroline Boissier-Butini hat dieses kurze St\u00fcck f\u00fcr ihre Tochter Val\u00e9rie, der sp\u00e4teren Schriftstellerin und Sozialreformerin Comtesse de Gasparin (1813-1894), geschrieben, deren Klavierspiel seit dem f\u00fcnften Lebensjahr nachgewiesen ist. Daher d\u00fcrfte die Sonatine zwischen 1817 und 1820 entstanden sein. Der Ausdruck \u201eSonatine\u201d ist hier im Mozart\u2019schen Sinne von \u201ekurze, leichte Sonate f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c zu verstehen.<\/p>\n<p>Mit ihren 42 Takten entspricht ihre L\u00e4nge auch den kurzen St\u00fccken in Johann Nepomuk Hummels 1827 ver\u00f6ffentlichtem Lehrgang \u201eAusf\u00fchrliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel\u201d. Trotz der auf weitere Sonatinen hinweisenden Nummerierung sind bislang im Boissier-Nachlass keine weiteren St\u00fccke dieser Gattung zum Vorschein gekommen, auch fehlen weitere S\u00e4tze dieser ersten Sonatine. Auffallend ist, dass s\u00e4mtliche Noten der ersten neun Takte mit Fingers\u00e4tzen versehen sind, dass aber im weiteren Verlauf des St\u00fcckes s\u00e4mtliche Angaben fehlen. Handelt es sich um einen ersten Versuch f\u00fcr eine oder mehrere Sonatinen, die anderswo erhalten sind? Oder reichte Mme Boissier diese Skizze, um mit ihrer Tochter gewisse technische Aspekte zu \u00fcben? Inhaltlich scheint das St\u00fcck zum \u00dcben des Ausdrucks gewisser Wendungen geschaffen zu sein.<\/p>\n<p>Das Interesse des St\u00fccks liegt in seiner p\u00e4dagogischen Anlage. Caroline Boissier-Butini hat sich ein Leben lang mit lerntechnischen Fragen besch\u00e4ftigt. Am Ende der Reisebeschreibungen von 1818, nach Ihren Unterhaltungen mit Cramer und Kalkbrenner, zieht sie eine Zwischenbilanz: Wie schon zuvor wird sie Fugen von Johann Sebastian Bach spielen, sowie die Et\u00fcden von Cramer \u201eund von allen Klassikern\u201d, die ihr Cramer empfohlen hat. Ein Jahr lang nimmt sie sich vor, nichts zu komponieren, um ihre Fingerfertigkeit zu verbessern und so selbstverst\u00e4ndlicher und spontaner improvisieren zu k\u00f6nnen. Ebensonimmt sie sich vor, mit mehr Emp\ufb01ndung und differenzierterem Anschlag zu spielen. Die Anerkennung der beiden Meister des Klaviers haben sie auf ihrem Weg best\u00e4tigt und be\ufb02\u00fcgelt: \u201eAls mich Kalkbrenner spielen h\u00f6rte meinte er, mein Anschlag sei mit seinem verwandt und er erkannte seinen eigenen Stil in meinen L\u00e4ufen. Cramer sagte mir, ohne das ernsthafte Studium seiner \u00dcbungen w\u00e4re ich nie zu dem geworden, was ich bin.\u201d<\/p>\n<p>Ihr K\u00f6nnen ist umso beeindruckender, als ja nicht bekannt ist, bei wem sie in Genf als junges M\u00e4dchen Unterricht hatte. ihre Tochter hat sie von Anfang an selber unterrichtet. Zur Vervollst\u00e4ndigung ihres K\u00f6nnens erhielt Val\u00e9rie im Winter 1831-1832, den die ganze Familie Boissier in Paris verbrachte, Unterricht beim nur um ein Jahr \u00e4lteren, aber bereits ber\u00fchmten Franz Liszt. Caroline begleitete ihre Tochter zu diesen Klavierstunden und hielt deren Inhalt akribisch schriftlich fest. Diese \u201eProtokolle\u201c wurden von den Nachkommen 1923 zum ersten Mal ver\u00f6ffentlicht, unter dem Namen \u201eMme Auguste Boissier&#8221; und unter dem Titel \u201eLiszt p\u00e9dagogue\u201d.<\/p>\n<p>Das B\u00fcchlein kannte mehrere Neuau\ufb02agen und wurde in zahlreiche Sprachen \u00fcbersetzt, handelt es sich doch um einen einmaligen Einblick in die p\u00e4dagogischen Leistungen des Musikers. Liszt hat f\u00fcr Val\u00e9rie ebenfalls ein paar Gel\u00e4u\ufb01gkeits\u00fcbungen geschrieben. Diese wurden von einem Nachkommen &#8211; nach Umwegen anl\u00e4sslich &#8211; einer Auktion im Fr\u00fchjahr 2013 zur\u00fcck gekauft.<\/p>\n<h4>\u201e<b>Variations sur deux airs languedociens\u201c<\/b><\/h4>\n<p>Hier variiert die Komponistin nicht nur ein Thema, sondern gleich zwei. Das erste, in a-Moll, ist mit \u201eLe beau Tircis, Andante\u201c bezeichnet und seine Harmonik erinnert an ein provengalisches Lied; das zweite mit \u201ePastourelletta Presto\u201d betitelt, ist in A-Dur; der Bezug zum Languedoc oder zu Okzitanien ist hier nicht auf Anhieb erkennbar; es handelt sich um eine Melodie im Volkston im weitesten Sinne, der harmonisch an eine ungarische cs\u00e1rd\u00e1s erinnert. Bei beiden Themen ist dabei nicht klar, ob es sich um bekannte Melodien handelt oder ob Caroline Boissier-Butini mit charakteristischen Assoziationen selber im Volkston komponiert hat. In ihrem 6. Klavierkonzert \u201eLa Suisse\u201c hat sie einen K\u00fchreihen integralzitiert (CD VDE-Gallo 1277); es ist daher denkbar, dass sie die unz\u00e4hligen Volksliedsammlungen aus dem 18. oder dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert aus Frankreich gekannt hat, wie etwa das \u201eRecueil des no\u00ebls provenceaux\u201d von Nicolas Saboly, das seit seiner ersten Ver\u00f6ffentlichung 1699 bis 1854 immer wieder neu aufgelegt werden ist. Auch die Tatsache, dass die Musikerin das Schottische Volkslied \u201eRoy\u2019s Wife of Aldivalloch\u201d als Thema f\u00fcr Variationen verwendet hat k\u00f6nnte ein Hinweis daf\u00fcr sein, dass die beiden Themen aus dem Languedoc aus bestehenden Liedsammlungen stammen. Der Topos des sch\u00f6nen Schafhirten Thirsis, der auf den griechischen Dichter Theokrit zur\u00fcck geht, ist im 17. und 18. Jahrhundert auch in Malerei, Dichtung und Musik unter dem Ein\ufb02uss der\u201eZur\u00fcck zur Natur\u201d Bewegung vielfach verwendet werden.<\/p>\n<p>Die \u201eVariations sur deux airs languedociens\u201c folgen dem Schema Einleitung &#8211; Thema 1 &#8211; Variationen &#8211; Thema 2 &#8211; Variationen &#8211; Coda prestissimo somit dem g\u00e4ngigen Modell. Die Komponistin spielt geschickt mit dem Kontrast zwischen poetischem a-moll und fulminantem A-Dur, wobei der Grundcharakter des St\u00fccks trotz der virtuosen Eruptionen beschaulich ist.<\/p>\n<h4>\u201e<b>Caprice et variations sur un air boh\u00e9mien\u201c<\/b><\/h4>\n<p>Ab den 1810er Jahren sind \u201eb\u00f6hmische Weisen\u201c viel genutzte Ausgangspunkte f\u00fcr Variationen und somit ist Caroline Boissier-Butini am Puls der Zeit. Auffallend ist die Verwandtschaft zwischen dem zweiten Thema dieses St\u00fccks und dem zweiten Thema, das Antonin Dvo\u0159\u00e1k etwa sechzig Jahre sp\u00e4ter in seinem Slawischen Tanz Op. 46 Nr. 1 verwendet hat. W\u00e4hrend erwiesen ist, dass die Themen des tschechischen Komponisten aus seiner eigenen Feder stammen wissen wir nicht, ob die Genferin sich von b\u00f6hmischer Harmonik und Rhythmik inspirieren liess oder ob sie das erw\u00e4hnte Thema in einer Sammlung gefunden hatte.<\/p>\n<p>Die sieben Variationen sind weniger extensiv und einfallsreich als diejenigen \u00fcber das schottische Thema &#8211; so machen in diesem St\u00fcck die Einleitung und das Finale die H\u00e4lfte der Partitur aus. Harmonisch eindr\u00fccklich sind die kurzen Intermezzi zwischen den sieben Variationen, die die Musik von Franz Schubert (den Caroline Boissier-Butini zumindest zum Zeitpunkt der Komposition nicht gekannt hat) oder gar Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin vorahnen lassen.<\/p>\n<p>Insgesamt best\u00e4tigen die vorliegenden, zum ersten Mal eingespielten St\u00fccke von Caroline Boissier-Butini den oft unkonventionellen Charakter ihrer Musik &#8211; wie schon die vier Werke der ersten erschienen CD (VDE-Gallo 1277). Dies d\u00fcrfte, gem\u00e4ss den vorliegenden Quellen, teilweise auf ihre de\ufb01zit\u00e4re Ausbildung zur\u00fcckzuf\u00fchren sein. Es kann nicht genug auf das \u00e4usserst bescheidene Genfer Musikleben zu Caroline Boissier-Butinis Lebzeiten hingewiesen werden, wo sowohl die Ausbildungsm\u00f6glichkeiten als auch die Vorbilder d\u00fcrftig waren. Zweifelsohne sind ungewohnte Wendungen in ihrer Musik jedoch auch Ausdruck von Selbstbewusstsein und Modernit\u00e4t: Der karge musikalische N\u00e4hrboden kann daher auch als Chance gesehen werden, denn kein Kanon und keine Vorbilder hemmten innovation und Konventionsbr\u00fcche.<\/p>\n<p>Man denke diesbez\u00fcglich an Franz Schubert, der zur selben Zeit, um sich frei entwickeln zu k\u00f6nnen und seine Vorliebe f\u00fcr die Vertonung deutscher Gedichte ausleben zu k\u00f6nnen seinen Lehrmeister Antonio Salieri verlassen musste, weil dieser einseitig auf die italienischsprachige Oper orientiert war &#8211; die damals prestigetr\u00e4chtigste musikalische Gattung. Ausserhalb der musikalischen Metropolen waren solche Zw\u00e4nge weniger ausgepr\u00e4gt. Als selbst\u00e4ndig agierende, \ufb01nanziell unabh\u00e4ngige Musikerin ist es Caroline Boissier-Butini gelungen, ihre Freiheit musikalisch auszuleben.<\/p>\n<p>[\/show_more]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Extraits \/ Excerpts<\/strong><\/p>\n[playlist images=\"false\" ids=\"8620,8621,8623,8615,8617,8618,8624,8619,8616,8622\"]\n","protected":false},"featured_media":17563,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false},"product_brand":[],"product_cat":[5283,5268],"product_tag":[],"class_list":["post-3622","product","type-product","status-publish","has-post-thumbnail","vde_composers-caroline-boissier-butini-de","vde_interprets-torbianelli-edoardo_de","product_cat-klavichord","product_cat-klavier-solo","first","instock","taxable","shipping-taxable","purchasable","product-type-simple"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/product\/3622","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/product"}],"about":[{"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/product"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3622"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17563"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3622"}],"wp:term":[{"taxonomy":"product_brand","embeddable":true,"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/product_brand?post=3622"},{"taxonomy":"product_cat","embeddable":true,"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/product_cat?post=3622"},{"taxonomy":"product_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/vdegallo.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/product_tag?post=3622"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}